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Teil 1: Von Antwerpen nach Frankfurt am Main

In ihrer neuen Heimat Frankfurt am Main errichteten lutherische Glaubensflüchtlinge aus Antwerpen im Mai 1585 einen Almosenkasten. Antwerpen, damals mit 80.000 Einwohner die reichste Handelsstadt und der bedeutendste Börsenplatz Europas, lag im Hunger. Seit dem Winter 1584/85 war die Stadt zu Lande und zu Wasser eingeschlossen von Streitkräften des Königs von Spanien unter dem Kommando des Herzogs von Parma. Antwerpens Fall war nur noch ein Frage der Zeit.
Rathausbrand zu Antwerpen 1576
Im August 1585 mußte die Stadt kapitulieren. Um nicht das geforderte Bekenntnis zur katholischen Kirche ablegen zu müssen, verließen etwa 38.000 Menschen in den folgenden vier Jahren die Metropole an der Schelde. Die meisten von ihnen suchten Zuflucht in anderen damals bedeutenden Handelsorten. Schon 1570 waren lutherische Flüchtlinge aus Antwerpen nach Frankfurt gekommen und hatten dort vielfach auch das Bürgerrecht erworben. Jetzt, nach August 1585, kamen erneut Hunderte Evangelische aus Antwerpen an den Main. Die Zahl der Niederländer stieg auf 2.000 und erreichte zwischen den Jahren 1601 und 1610 mit 2.500 Personen bei einer Frankfurter Gesamteinwohnerschaft von 20.000 Menschen ihren Höhepunkt. Etwas weniger als 1.000 waren darunter, die sich zum lutherischen Bekenntnis hielten. Zur Unterstützung der Bedrängten diente der am 31. Mai 1585 gestiftete Almosenkasten (siehe Stiftung) für ankommende und wegreisende Glaubensgenossen gleicher Herkunft. Nachdem die Flüchtlinge aus Antwerpen in den meisten Niederlassungsorten Wurzeln geschlagen hatten, wurde der Almosenkasten in Frankfurt zur Versorgung der ortsansässigen Armen niederländischer Herkunft verwendet.

Für ihre Rechtsgeschäfte bedienten sich die Verwalter des Almosenkastens weiterhin des alten Siegels der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Antwerpens (siehe Siegel im Intro). Die alljährliche Generalversammlung der niederländischen Lutheraner wurde „Niederländische Gemeinde Augsburger Confession“ genannt. Trotz ihres Siegels handelte es sich bei der „Niederländischen Gemeinde“ rechtlich nicht um eine eigenständige Pfarrgemeinde. Die freie Reichsstadt Frankfurt am Main gewährte zwar Angehörigen vieler Konfessionen Aufenthalt und das Recht zu wirtschaftlicher Betätigung. Eine freie Religionsausübung war damit jedoch nicht verbunden. Auch für Angehörige des herrschenden lutherischen Bekenntnisses war der Rahmen religiöser Gemeinschaftsbildung durch städtische Obrigkeit und kirchliche Ordnung eng gezogen. Selbstständig einen Prediger anzustellen, war den Niederländern verwehrt, da die Berufung von Theologen allein dem Rat zustand. Selbst als die Zahl der lutherischen Niederländer 1585 auf einige hundert Seelen gewachsen war und die Flüchtlinge auf ihre ungenügende Kenntnis der oberdeutschen Sprache hinwiesen, lehnte die Frankfurter Obrigkeit es zunächst noch ab, den Zugezogenen einen in ihrer Muttersprache predigenden Geistlichen zuzugestehen. Der aus Spanien gebürtige Cassiodor de Reina (ca. 1520 –1594), der in Antwerpen als lutherischer Prediger gewirkt und seit 1571 in Frankfurt Zuflucht gefunden hatte, mußte deshalb den Dienst am Worte Gottes vernachlässigen und sich und seiner Familie als Seidenkrämer den Unterhalt verdienen.

Weißfrauenkirche und Karmeliterkloster
Im Januar 1593 stellte der Rat für die Niederländer schließlich einen Prediger aus dem württembergischen Mömpelgard (Montbéliard, Departement Doubs) an. Für ihre Gottesdienste erhielten sie die heute verschwundene Weißfrauenkirche im Südwesten der Stadt zugewiesen. Hier hatten schon von 1554 bis 1559 englische und im folgenden bis 1561 wallonische und holländische Protestanten ihren Predigern zuhören können.